Meine Kolumne "Philosophische Sentenz des Monats" auf der kommerziellen Website "Geschenke aus den Museen der Welt".
Philosophische Sentenzen von 2013 - Links zum Weiterlesen ggf. aktualisiert


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Helmut Hille
Philosophische Sentenzen 2013
Die Achsenzeit der Menschheitsgeschichte
15.01.2013

Nach dem Philosophen Karl Jaspers (1883 – 1969) in seinem Buch "Vom Ursprung und Ziel der Geschichte" von 1949 ist die Achsenzeit die Zeitspanne von ca. 800 bis 300 v. Chr., in der gleichzeitig in voneinander unabhängigen Kulturräumen (China, Indien, Iran, Judäa und Griechenland) die geistigen und technischen Fortschritte erfolgten, die bis heute Grundlagen aller Zivilisation sind. Durch Jaspers Achsenzeit können die Anfänge der Menschheitsgeschichte einheitlich verstanden werden.

In der Mitte dieser Achsenzeit gibt es eine bemerkenswerte kurze Zeitspanne so zwischen 600 und 500 v. Chr., in der menschliches Verstehen weltweit sich selbst zum Gegenstand wurde. So hieß es spätestens um die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. am Apollotempel zu Delphi: "gnothi seauton", "Erkenne dich selbst". Nach Aristoteles befand sich die Schrift sogar schon am Vorgängerbau, der 548/547 v. Chr. durch Brand zerstört wurde. In China war es Laotse (ca. 604 – 520 v. Chr.), der im 33. Spruch seiner Weisheitssammlung forderte: "Andere erkennen ist klug, sich selbst erkennen ist weise; andere lenken ist Macht, sich selber lenken ist Erleuchtung …". In einer griechischen Kolonie in Unteritalien war es Parmenides (ca. 540 – 480 v. Chr.), ein Zeitgenosse Heraklits, der lehrte, Schein und Sein zu unterscheiden, ist der Schein doch immer aufseiten des Menschen, der sich die Welt mit seinen Mitteln geistig aneignet. In Indien lebte zu dieser Zeit Buddha (ca. 560 – 480 v. Chr.), der sich mit dem trügerischen Schein auseinandersetzte und lehrte, dass es kein wahres Selbst gibt. "Dieser Schritt ins Universale oder die ‚Vergeistigung', wie Jaspers sagte, habe eine Veränderung des gesamten Menschseins bewirkt." (Wikipedia)

Die Auseinandersetzung mit dem Problem des Scheins ist aber nicht nur bis heute nicht abgeschlossen, sondern seit dem Auftreten Einsteins (1879 – 1955) dringender denn je. Einstein war ein Aspergerautist, der mangels Selbstwahrnehmung jegliche Rolle des menschlichen Geistes heftig bestritt. Und weil er sich nicht in die Gedanken Anderer hineinversetzen konnte, strickte er sich seine eigene Physik, die ihn weltweit berühmt machte - gerade weil sie keiner verstand. So war es auch nicht so sehr die Güte seiner Relativitätstheorien von 1905 und 1915, die seinen Ruhm begründete, sondern der Zeitgeist mit seiner tiefen Verunsicherung überkommener Werte, auf den sie traf, an dessen Anfang Nietzsche (1844-1900) mit seiner Umwertung aller Werte stand. Einstein lieferte mit seiner anachronistischen Bestreitung jeglicher Beobachterrolle jener materialistischen religionsfeindlichen Zeitströmung, die in ihrem Anarchismus nicht nur vom Heiligen Geist, sondern gleich auch noch vom Geistigen als eigenen Wert überhaupt nichts mehr wissen wollte, eher unfreiwillig willkommene, für wissenschaftlich gehaltene Argumente, weshalb er von dieser Fraktion bis heute so hoch gehalten wird. Ihre Geistfeindlichkeit hindert sie aber nicht, zugleich mit Einsteins Geist zu protzen oder sich auf einen biederen Hausverstand zu berufen, der sich "was nicht vorstellen kann", wenn es gilt, unangenehme Fakten zu bestreiten, wie sie die Quantenphysik unter Beachtung der Rolle des Beobachters mit Unschärfe und Verschränkung aufgezeigt hat.

Von der namenlosen Göttin, die Parmenides in seinem Lehrgedicht "Über das Sein" nach Überwindung des Scheins begrüßte, wird er "Jüngling" genannt, denn er ist durch ihre Hilfe und ihren Mund Zeuge und Träger zeitloser Wahrheiten geworden, die nicht altern. Für mich ist er der Philosoph, der aus der Zukunft kommt, denn er hat Fragen beantwortet, die wir erst noch wieder stellen müssen, um uns selbst zu verstehen. In dem 1999 erschienenen Buch von Peter Kingsley, eines des Altgriechischen mächtigen promovierten Philologen "Die Traumfahrt des Parmenides. Die mystischen Wurzeln der westlichen Zivilisation" heißt es folgerichtig: "Denn was Parmenides bedeutet, kann niemand je aus dem Weg räumen. Es wird immer wieder seinen Weg zu uns zurück finden", wenn es gilt Schein und Sein zu unterscheiden, um zu einem angemessenen wie überlebensdienlichen Umgang mit der Welt zu kommen, von der wir leben.

Zum Weiterlesen:
ZEIT UND SEIN, Text [5]
Intuition will bedacht sein. Parmenides weist den Weg
http://www.helmut-hille-philosophie.de/intuition.html

ausführlicher auf
WEGE DES DENKENS - II. Das Verhältnis zwischen Denken und Sein
Datei II/5 Was uns hindert, die Einheit des Daseins zu sehen. In der Sicht des Parmenides
http://www.helmut-hille.de/lt11.html
Fortsetzung dort: der Schlüssel des Lehrgedichts: "Parmenides im Klartext"
sowie anschließend der Gesamttext: "Vom Schein zum Sein"


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Helmut Hille
Philosophische Sentenzen 2013
Das Gottesteilchen
15.02.2013

Es fällt auch Physikern schwer, Physik und Metaphysik immer sauber zu trennen, weil letztere zur unhinterfragbaren Grundüberzeugung von Menschen gehört, die sie irgendwie bestätigt sehen möchten. Als "Vater der neueren Philosophie" wird der französische Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler René Descartes (1596 – 1659) genannt, der klar sagte, dass physikalische Objekte "soviel an ihnen liegt" sich in ihrem Zustand erhalten, was er "Das Erste Naturgesetz" nannte. Bei Newton (1643 – 1727) heißt es in seiner berühmten Schrift, kurz "Principia" genannt, in Definition III gleichsinnig: "Die der Materie eingepflanzte Kraft ist die Fähigkeit Widerstand zu leisten, durch die jeder Körper von sich aus in seinem Zustand der Ruhe oder in dem der gleichförmig-geradlinigen Bewegung verharrt", eine Formulierung, die in sein 1. Axiom eingegangen ist, wo jedoch der wichtige Hinweis fehlt, dass die Materie die Fähigkeit des Verharrens "von sich aus" hat, weshalb dieses Axiom gern falsch interpretiert wird. Der Siegeszug der neuzeitlichen Physik begann also mit der Suche nach den den Dingen immanenten Fähigkeiten, was natürlich den Gottgläubigen gar nicht gefiel. Heute nimmt man an, dass Descartes bei seinem Aufenthalt in Stockholm von seinem katholischen Beichtvater vergiftet wurde. Weil bei Newton Körper von sich aus verharren und sich auch von sich aus in eine Wechselwirkung einbringen, wurde er von seinem Konkurrenten Leibniz (1646 – 1716) bei der Gattin des englischen Thronfolgers der Gottlosigkeit bezichtigt, was infam war, da der englische König das Oberhaupt der anglikanischen Kirche ist. Newton hatte in Definition III zwar vorsichtshalber eingefügt, dass die Fähigkeit der Materie Widerstand zu leisten, ihr "eingepflanzt" wäre, was jedoch nur rhetorisch war. Mit Recht wird die Kraftgröße heute das Newton genannt.

Mit dem Neupositivismus von Ernst Mach (1838 – 1916) gab es aber auch eine Gegenbewegung, die nichts mehr von immanenten Ursachen wissen wollte, die sie als "metaphysisch-religiöse Spekulationen/Humbug" ansahen, was insbesondere jene freute, die lieber alles nur berechnen wollten, ohne es auch noch verstehen zu müssen. Einstein (1879 – 1955) griff Machs Idee auf, dass für die örtliche Trägheit eines Körpers "die fernen Fixsternmassen" verantwortlich wären ("Machsches Prinzip"). Diese fernen Fixsternmassen waren für ihn so etwas wie ein Gottesersatz, weshalb ihm seine Relativitätstheorie auch als "Abglanz Gottes" erschien. Ähnlich wie Leibniz mit Newton erging es Einstein lebenslang mit der Quantenphysik, für welche die erfahrbaren Quantenphänomene zur Beschreibung und Berechnung ausreichend waren, während Einstein mit zwei Kollegen noch lange etwas hinter den Phänomenen suchten, gewissermaßen Gottes steuernde Hand. "Doch wer immer hinter die Dingen zu sehen versucht, sieht am Ende die Dinge selber nicht mehr", warnte schon Augustinus.

In der Teilchenphysik ist anstelle der Trägheit verleihenden "fernen Fixsternmassen" das Higgsboson getreten, weshalb man es auch "Gottesteilchen" nennt, das von den Physikern mit großem Aufwand gesucht wird. Warum Teilchen wie schon beim Machschen Prinzip selbst trägheitslos sein sollen, ist mir nicht bekannt. Es kann m.E. auch keinen vernünftigen Grund dafür geben. Trägheit ist einfach Ausweis von Existenz. Was keinen Widerstand leistet, ist prinzipiell unerfahrbar und für uns nicht existent. Das mit dem Higgsboson verbundene Higgsfeld wäre dann wieder so etwas wie Einsteins absoluter Raum, der die Dinge in ihre Bahn "zwingt", eine Idee, die er fälschlich Newton unterschob, der jedoch gesagt hatte, das Körper ihre Trägheit von sich aus haben, also keine fremde Hilfe benötigen. Was die Physiker mit Hilfe des LHCs (Large Hadronen Collider) in Cern finden, sind wie immer in Beschleunigern Muster von Energien, die dort erst erzeugt werden. "Fast alle Teilchen, deren Felder im modernen Standardmodell der Teilchen und Wechselwirkungen auftreten, zerfallen so schnell, dass sie in gewöhnlicher Materie nicht vorkommen und im Leben der Menschen keine Rolle spielen." (Steven Weinberg in "Dreams of a Final Theory"). Für mich sieht es danach aus, dass bei der Suche nach dem Gottesteilchen es sich eher um eine Spielart des fremdbestimmten Determinismus handelt, der immer etwas hinter den Erscheinungen sucht, letzten Endes Gott oder wenigstens seine steuernde Hand. Bezüglich der Schwerkraft gab Rilke (1875 – 1926) zu gleicher Zeit dieser allzumenschlichen Sehnsucht nach Geborgenheit in seinem Herbstgedicht wie folgt Ausdruck: "Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält."

Zum Weiterlesen:
WEGE DES DENKENS - I. Rationale Grundlagen der Physik
Datei I/B16 Ausreden ohne Ende?
http://www.helmut-hille.de/ausreden.html


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Helmut Hille
Philosophische Sentenzen 2013
Schrödingers Katze
15.03.2013

Schrödingers Gedankenexperiment zur Quantenmechanik besagt, dass sich in einem geschlossenen Raum ein instabiler Atomkern befindet, der innerhalb einer bestimmten Zeitspanne mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zerfällt. Der Zerfall des Atomkerns wird von einem Geigerzähler detektiert. Im Falle einer Detektierung wird Giftgas freigesetzt, das eine im Raum befindliche Katze tötet. Gemäß der Quantenmechanik wird der Atomkern nach Ablauf der Zeitspanne als im Zustand der Überlagerung (noch nicht zerfallen und zerfallen) beschrieben. Demnach sollte sich, wenn die Quantenphysik auch auf makroskopische Systeme anwendbar wäre, auch die Katze im Zustand der Überlagerung, also lebendig und tot, befinden. Diese Schlussfolgerung erscheint zunächst paradox und wird in der "Kopenhagener Deutung" wie folgt von Schrödinger interpretiert: Beim Öffnen des Raumes und Beobachtung (Messung) springt der Atomkern, der sich zuvor im Zustand der Überlagerung befand, in einen der möglichen Zustände. Grund dafür ist, dass die Wellenfunktion, die den Überlagerungszustand des Teilchens bestimmt hat, im Moment der Beobachtung kollabiert. Erst bei der Messung durch einen äußeren Beobachter entscheidet sich also, ob die Katze tot oder lebendig ist. Vor der Messung kann über den Zustand der Katze nicht mehr als eine Wahrscheinlichkeitsaussage getroffen werden - was aber ganz natürlich ist.

Wie man erst später bemerkte, hat Schrödingers Wellenfunktion nichts mit physikalischen Wellen zu tun, sondern ist ein Wahrscheinlichkeitsalgorithmus (Rechenschema). Die Überlagerung besagt schlicht, dass etwas noch unentschieden ist, im Fall des Atomkerns zerfallen oder nicht zerfallen, im Fall der Katze tot oder lebendig. Die Überlagerung ist also nur der Ausdruck dafür, dass man noch nichts mit Bestimmtheit weiß. Erst durch einen Eingriff, z.B. eine Messung, wird ein definitiver Zustand erzeugt. Daran ist überhaupt nichts Geheimnisvolles, denn jeder bestimmte Zustand ist durch einen Beobachter bestimmt. Erst durch eine Beobachtung kann ein definitives Wissen gewonnen werden. Der Kollaps der Wellenfunktion beschreibt nur etwas umständlich das Ende einer Wahrscheinlichkeit. Nicht mehr und nicht weniger.

Vor dem Aufkommen der Quantenmechanik hat man sich in der Physik über das Verhältnis von Wissen und Realität kaum Gedanken gemacht, weshalb es auch an sprachlichen Mitteln fehlte, die neuen Situationen allgemeinverständlich zu beschreiben. Abgesehen davon möchte man auch gern mal etwas geheimnisvoll erscheinen, weil das beim Hörer einer Rede Eindruck macht, wie Heisenberg einmal bekannte. Zeilinger in Wien glaubt heute noch, dass die Probleme, die Menschen mit der Quantenphysik haben, etwas speziell mit dieser zu tun habe. Doch es war nur die Winzigkeit der Objekte, weshalb es plötzlich wichtig war, sehr genau zu sein, sei es beim Experimentieren oder beim Sprechen, will man denn den Sachverhalt treffen. Prinzipiell ist es aber auch im Makrokosmos wissenschaftlich geboten genau zu sein. So ist es zwar vernünftig anzunehmen, dass der Mond auch da ist, wenn man ihn nicht sieht oder wenn man nicht hinsieht, doch definitiv wissen wir es erst ob er noch da ist, wenn wir ihn oder seinen Lichtschein sehen. Auch was wir wahrnehmen, hat immer mit uns selbst zu tun. Nur wenn man weiß, was eine Katze oder einen Hund ausmacht, kann man es als Katze oder Hund erkennen, wobei das Wissen darüber aber auch falsch sein kann. Einstein, für den es keine Rolle des Beobachters gab, fand solche peniblen Überlegungen verrückt, so dass er auch glaubte, ohne konstante Messmittel etwas zur Konstanz der Lichtgeschwindigkeit sagen zu können. Doch die Quantenleute haben sich ein solches Sprechen verboten. Sie sind auf ihre Weise Positivisten, aber moderate, ohne Dogmatismus. Und weil sie alles genau nehmen, ist die Quantenphysik so erfolgreich und wird eines Tages auch die Relativitätstheorie überflüssig machen, sobald Physiker sich das getrauen. Das nötige Wissen dazu gibt es bereits heute.

Zum Weiterlesen:
WEGE DES DENKENS - I. Rationale Grundlagen der Physik
Datei I/A5 Strategien physikalischer Theorien
http://www.helmut-hille.de/stratege.htm


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Helmut Hille
Philosophische Sentenzen 2013
Vom richtigen Sprachgebrauch in der Wissenschaft
wahrscheinlich besser: Vom falschen Sprachgebrauch...
15.04.2013

Kung-fu-tse, der Weise aus China lehrte: "Soll die Gemeinschaft sich ordnen und der Einzelne seine Bestimmung erfüllen, dann müssen zuerst die Begriffe in Ordnung gebracht werden, denn die Unordnung ist zuerst im Denken." Soll Wissenschaft gelingen, muss zuerst deren Sprache bedacht werden, sollen die Gegenstände der Forschung angemessen verstanden und beschrieben werden können. Die Erfolge der Quantenphysik haben auch etwas mit ihrer Sprachdisziplin zu tun und der Anweisung, über prinzipiell Unerfahrbares sich der Aussage zu enthalten, z.B. zu der Frage, was Quanten zwischen zwei Bahnen tun, weil eben nur die Bahnen detektiert werden können, was den sog. Quantensprung zur Folge hat, der nicht weiter aufgeklärt werden kann. Was aber von Quantenphysikern meist nicht klar gesehen wird ist, dass die Unschärfe kein Zustand der Quanten sondern unseres Wissens vom Verhalten der Quanten ist, was eben das Phänomen des Quantensprungs ergibt.

In der Relativitätstheorie dagegen gibt man sich mit der Sprache überhaupt keine Mühe. Wo man nichts von der Rolle des Beobachters und damit seines Geistes wissen will, was allein schon ein Anachronismus ist, achtet man auch nicht auf die eigene Sprache. Es fehlt da bereits die Unterscheidung von realen und geistigen Gegenständen, von Beobachter und Beobachteten, von unbelebten und lebendigen Körpern. Daher spricht man dort von Sonne, Mond und Sterne wie von Kühen auf der Weide, die mal grasend sich bewegen und ein andermal verdauend ruhen. Dabei hatte Newton schon in seinem 1. Axiom gelehrt, dass physikalische Körper in ihrem Zustand verharren, wenn sie nicht in Wechselwirkung stehen, gleich ob wir sie "ruhend" oder "bewegt" sehen, was eben lediglich eine am Lebendigen geschulte Sehgewohnheit und als solche in der Physik eine metaphorische Rede ohne realen Hintergrund ist. Wenn man dagegen richtigerweise vom Ortswechsel eines Gegenstandes sprechen würde, wäre sofort klar, dass es den Ortswechsel nicht ohne die vom Beobachter dazugegebenen Orte geben kann, zu denen er den Gegenstand in Beziehung setzt. Das ist es, was man die Relativität der Bewegung nennt, die eben eine geistige Leistung des Beobachters ist. Dinge dagegen beziehen sich nicht aufeinander, denn sie haben keine mentalen Fähigkeiten. Sie können nur aufeinander reagieren (Newton, 3. Axiom), was ihr Charakteristikum ist. Eine Relativität ohne Beobachter ist daher ausgeschlossen.

Aber auch die Biologen geben sich beim Sprechen wenig Mühe. Ihre Lieblingsvokabel ist die Anpassung, weil sie des schlauen Menschen eigene Überlebenstaktik ist. Aber in den Genen gibt es keinen Prozess der Anpassung, sondern nur den der Verzweigung durch Varianten des Erbguts. Und jene Varianten, die sich in ihrer Mitwelt behaupten können, erscheinen uns dann im nachhinein angepasst. Auch das Leben selbst ist kein Prozess der Anpassung, sondern der Überwältigung, indem es fremde Ressourcen zu den eigenen macht. Gerade der Mensch als unspezialisiertes Wesen macht sich die Welt passend, wie er sie braucht, weshalb er in allen Regionen der Erde überleben kann, während die am besten angepassten Arten als Erste mit den Ressourcen verschwinden, von denen sie voll abhängig sind. (Und wenn Tiere Mimikry betreiben, dann haben sie sich zwar äußerlich angepasst, aber im Grunde die fremde Form überwältigt, d.h. sich zu eigen gemacht.)

Auch in der Gehirnforschung gibt es wie in der Physik Bestrebungen, das Geistige auszublenden und sich einer uneigentlichen Sprache zu bedienen. Der Philosoph Peter Janisch hat in seinem 2009 erschienenen Buch in "Kein neues Menschenbild. Zur Sprache der Hirnforschung" festgestellt: "Sprachvergessenheit ist zum Kennzeichen der Naturwissenschaften geworden", was eben nicht nur die Gehirnforschung betrifft. Ein gewissenhafter Umgang mit der Sprache wird mehr an wahren Erkenntnissen bringen, als alles Herumforschen mit unabgeklärten Grundsätzen und Begriffen, bei denen unklar bleibt, von was man eigentlich spricht. Noch einmal Peter Janisch: "Sprachkritik ist die wichtigste Aufgabe, die die theoretische Philosophie heute übernehmen kann." Alle meine Texte versuchen eben gerade dieses zu tun.
Satz in ( ) nachträglich eingefügt

Zum Weiterlesen:
ZEIT UND SEIN Tagungsbeitrag (6)
DPG 2008: Der Humanfaktor in der Wissenschaft
http://www.helmut-hille-philosophie.de/anhang6.html


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Helmut Hille
Philosophische Sentenzen 2013
Grenzen des Wissbaren
15.05.2013

ZEIT UND SEIN Text [22]
der gleichnamige Titel
http://www.helmut-hille-philosophie.de/grenzen.html"


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Helmut Hille
Philosophische Sentenzen 2013
Die Rolle des Beobachters ist unendlich. Grenzen der Verständigung
15.06.2013

ZEIT UND SEIN Text [23]
der gleichnamige Titel
http://www.helmut-hille-philosophie.de/rolle.html"


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Helmut Hille
Philosophische Sentenzen 2013
Grenzen der Erfahrbarkeit und des Verstehens
15.07.2013

ZEIT UND SEIN Text [24]
der gleichnamige Titel
http://www.helmut-hille-philosophie.de/verstehen.html"


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Helmut Hille
Philosophische Sentenzen 2013
Das Unbegrenzte
15.08.2013

ZEIT UND SEIN Text [25]
der gleichnamige Titel
http://www.helmut-hille-philosophie.de/grenzenlos.html"


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Helmut Hille
Philosophische Sentenzen 2013
Goethe als Erkenntniskritiker
15.09.2013

Als aufmerksamer Beobachter seiner selbst und der Welt um ihn war Goethe geleitet, vieles kritisch zu sehen und versucht, dem Subjektiven auf die Spur zu kommen. Dass wir nur das bewusst sehen, was wir kennen, drückte er so aus: "Allein hätte ich nicht Welt durch Antizipation (Vorwegnahme) bereits in mir getragen, ich wäre mit sehenden Augen blind geblieben." Die Rolle des Beobachters ist also allgegenwärtig: "Die Erscheinung ist vom Beobachter nicht losgelöst, vielmehr in die Individualität desselben verschlungen und verwickelt." "Erscheinungen" gehören zur Welt des Scheins, mit denen ein Beobachter die Welt auf seine ihm mögliche Weise wahrnimmt, so wie Luftschwingungen durch ihn zu Tönen, Helligkeitsdifferenzen zu Bildern werden usw., Erscheinungen die darüber hinaus von Mensch zu Mensch durchaus verschieden sein können.

Wie wir wissen, wollte Goethe auch Wissenschaftler sein. So entdeckte er in Jena den Zwischenkieferknochen des Menschen als das Missing Link zu den Wirbeltieren. Auch mit seiner langen Suche nach der Urpflanze nahm er durchaus Gedanken von Darwin vorweg, weshalb es immer falsch ist, den Evolutionsgedanken zuerst bei Darwin zu sehen, auch wenn er ihn durch seine Studien zum Durchbruch verhalf. Goethes Skepsis war aus eigener Erfahrung gerade auch gegenüber den Wissenschaften groß: In seiner "Italienischen Reise" finden wir folgende Bemerkung von ihm über das Verhältnis von Mensch und Wissenschaft: "Der junge Mann verlangt Gewissheit … Kommt man tiefer in die Sache, so sieht man, wie eigentlich das Subjektive auch in den Wissenschaften waltet, und man prosperiert nicht eher, bis man anfängt, sich selbst und seinen Charakter kennen zu lernen." Doch wer möchte sich schon so desillusionieren? Goethes Verständnis gelangte bei Newton an seine Grenze.

Auch mit den Philosophen haderte Goethe, die ihm oft zu wortklauberisch waren, weshalb er 1829 gegenüber Eckermann äußerte: "Von der Philosophie habe ich mich selbst immer frei erhalten." So lässt er Mephisto im Faust zum Schüler sagen: "Mit Worten lässt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten, an Worte lässt sich trefflich glauben, von einem Wort lässt sich kein Jota rauben." Und weiter: "Wer will was Lebendiges erkennen und beschreiben, sucht erst den Geist herauszutreiben, dann hat er die Teile in seiner Hand, fehlt leider! nur das geistige Band." Dazu noch einmal Goethe in seiner Italienischen Reise: "Alle Philosophie über die Natur bleibt doch nur Anthropomorphismus, d.h. der Mensch, eins mit sich selbst, teilt allem, was er nicht ist, diese Einheit mit, zieht es in die seinige herein, macht es mit sich selbst eins." So sehen heute viele Physiker unbelebte Gegenstände wie sie sich selbst "ruhen" oder "bewegen", obgleich Unbelebtes weder Bewegungsorgane noch einen Bewegungswillen hat, sondern nur in seinem Zustand verharrt, solange keine Kraft auf es einwirkt. Der Bewegungseindruck entsteht dadurch, dass Menschen Dinge unwillkürlich zueinander in Beziehung setzen, wodurch sie ihre Distanz zueinander entweder beibehalten oder ändern, was sie dann in Analogie zum Belebten beschreiben, was ein grober Fehler ist.

Dem naiven Wahrheitsanspruch trat Goethe wie folgt entgegen: "Der Gedanke lässt sich nicht vom Gedachten trennen." Es gibt kein Jenseits des Gedachten, auf das Menschen sich berufen können. Sie können immer nur auf ihr Wissen und das bereits Gesprochene rekurrieren (zurückkommen) und von daher urteilen. Und um ein Wissen allgemein zu machen, gibt es ja die Schulen und Hochschulen, sowie die Medien mit ihrer täglichen Sprachregelung. Doch für Goethe galt: "Wahre Überzeugung geht vom Herzen aus, das Gemüt, der eigentliche Sitz des Gewissens, richtet über das Zulässige und Unzulässige weit sicherer als der Verstand." Das unbewusste Wissen ist eben das Ergebnis einer langen Erfahrung, nicht nur im Leben des Individuums, sondern auch in der Geschichte seiner Gattung und des Lebens selbst. Allem nur theoretischen Wissen abhold vermerkte er: "Ich will auch nicht mehr ruhen, bis mir nichts mehr Wort und Tradition, sondern lebendiger Begriff ist. Von Jugend auf war mir dieses mein Trieb und meine Plage." Man sieht es an seinem Faust.

Zum Weiterlesen:
WEGE DES DENKENS - II. Das Verhältnis von Denken und Sein
Datei II/16 Anmerkungen zur Erkenntnistheorie
http://www.helmut-hille.de/gedanken.html


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Philosophische Sentenzen 2013 (2013?)
Der Philosoph Graf Hermann Keyserling
15.10.2013

Graf Hermann Keyserling war von altem baltischem Landadel. Er wurde 1880 in Livland (Estland) geboren und studierte in Genf, Dorpat, Heidelberg und Wien Chemie, Zoologie und Geologie. Bekannt wurde er mir durch sein zweibändiges "Reisetagebuch eines Philosophen", das seine Eindrücke auf seiner Reise vor dem 1. Weltkrieg schilderte, die ihn vom Mittelmeer aus über Aden in Afrika, Indien, China, Japan und den USA führte. Auf seiner Sinnsuche meinte Keyserling, dass der kürzeste Weg zu sich selbst, um die Welt herum führt, was auch das Motto des Buches ist. Überall wo er hinkam, versuchte er das Wesen der Menschen und ihrer Kultur aber auch der Landschaften zu verstehen und ggf. in sich wiederzufinden, jedoch immer weiter eilend. Er hatte sich nämlich gefragt: "Was sieht denn unsereiner? Nur das, was menschlichen Bedürfnissen entspricht." Um sich herauszufordern, wollte er sich einer ihm fremden Welt aussetzen, seine Leser daran teilhabend lassend. So heißt es im Reisetagebuch anlässlich eines Ausflugs an einen See in Ceylon mit großen Artenreichtum an seinen Ufern: "Vom Geiste her betrachtet liegen eben die Bilder der Wirklichkeit auf einer Ebene mit den Schöpfungen der Phantasie, so dass zwischen Erfahrungen und Einfällen kein wesentlicher Unterschied besteht. …Nun braucht aber die Seele eine reiche und mannigfaltige Nahrung, wenn sie gedeihen und sich aufsteigend entwickeln soll. … Auch noch deshalb ist äußere Erfahrung unbedingt vonnöten, weil der Geist nie frei wird, wo er sich ständig von eigenen Produkten umgeben sieht."

Infolge des 1. Weltkrieges verlor Keyserling seine Heimat und seine Besitzungen in Estland und ließ sich in Darmstadt nieder, wo ihm der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen ein Haus geschenkt hatte. Er heiratete eine Enkelin des Fürsten Bismarck. Da er bei seiner Asienreise erlebt hatte, dass in Asien Weisheit etwas gilt, bei uns aber nicht, gründete er 1920 er in Darmstadt seine "Schule der Weisheit" auf der u.a. der indische Dichter und Philosoph Rabindranath Tagore auftrat. Anliegen von Keyserlings Philosophie war es, den geistigen Kern des Menschen freizulegen und bewusst zu machen. Er hatte nämlich bemerkt, das es in der Wissenschaft und Politik des Westens eine sich aus dem fundamentalen Materialismus speisende geistige Strömung gab (und weiterhin gibt), die antiklerikal nicht nur den Heiligen Geist, sondern gleich alles Geistige leugnet. Ernst Mach nannte den Verzicht auf den sog. gesunden Menschenverstand mit seiner Ursachensuche "Denkökonomie", woraus andere Physiker schlossen, dass es genügt, alles berechnen zu können, ohne es auch noch verstehen zu müssen (Mathematische Physik), wogegen es Keyserling gerade um das Verstehen ging.

In den 20er Jahren bereiste Keyserling Nordamerika (1927 "Amerika, der Anfang einer neuen Welt"), in den 30er Jahren Südamerika (1932 "Südamerikanische Meditationen"), von dem er schrieb, dass ohne dessen Kenntnis keines seiner Werke tief verstanden werden kann. Im Krieg zwangsläufig in Deutschland bleibend, schrieb er u.a. "Das Buch vom persönlichen Leben" (1936) und das "Buch vom Ursprung" (1947 erschienen), das er sein "konzentriertestes Vermächtnis" nannte, das auch mir sehr viel bedeutet hatte. Am Ende seines letzten Werkes, also quasi als sein Vermächtnis und bestimmt nicht rein zufällig zur Problematik des alles vereinnahmenden wissenschaftlichen Reduktionismus, der dem Menschen Gesicht, Geist und Seele raubt: schrieb er: "Darum ist wirklich wahr, was Chinas Weisheit also formulierte: Wie die Menschen sind, so erscheint die Welt. Eine das Wunder verleugnende Welt wird öde und leer. Eine den Geist verachtende Welt wird real geistlos. Eine nur an Mechanik glaubende Welt wird zur Maschine. Der Mensch, der seinen Ursprung verleugnet, schnürt sich tatsächlich von ihm ab. Damit nun erweist sich die Freiheit als des Menschen erstes sowohl als letztes Wort. Das aber ist das größte aller überhaupt denkbaren Wunder."

Graf Herman Keyserling, durch den 2. Weltkrieg nach Tirol verschlagen, starb 1946 in Innsbruck. Von ihm noch vorbereitet, wurde 1947 als Fortsetzung der Schule der Weisheit die "Keyserling Gesellschaft für freie Philosophie e.V." gegründet, deren Hauptsitz nach Hamburg Wiesbaden wurde, wo sie einmal im Jahr im dortigen Kurhaus tagte. Ich trat ihr 1955 als Mitglied Nr. 419 bei und besuchte die Tagungen regelmäßig. Auf Wunsch der Vorsitzenden Eleonore v. Dungern fuhr ich sie Jahre später von ihrem Urlaubsort Tegernsee aus nach Innsbruck, wo sie mit der Witwe des Grafen eine Verabredung hatte. Anschließend besuchten wir Keyserlings Grab (in Hall i. Tirol?), das mit einer großen Marmorplatte abgedeckt war. Wegen fehlenden Nachwuchses wurde die Gesellschaft 1984 im Schloss zu Darmstadt aufgelöst. Keyserlings beide Söhne sind eigene philosophisch-religiöse Wege gegangen. Weil Keyserling sich mit vielen Kulturen der Welt auseinandergesetzt hatte und mehr die Weisheit als die reine Philosophie schätzte, wird er in Kröners Philosophischen Wörterbuch "Kulturphilosoph" genannt.

Zum Weiterlesen:
WEGE DES DENKENS - I. Rationale Grundlagen der Physik
Datei I/B17 Der Untergang der abendländischen Denkkultur oder: Der Abschied von der Vernunft
www.helmut-hille.de/weisheit.html


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Helmut Hille
Philosophische Sentenzen 2013
Der Nondualist Josef Mitterer - Eine Buchbesprechung
15.11.2013

Die von Josef Mitterer, Jahrgang 1948, vertretenen Thesen zum Wahrheitsbegriff sind genauso ungewöhnlich wie gut begründet. Die Redaktion des Spiegels (DER SPIEGEL 11/1993) hat sie für wichtig genug gehalten, um den seit 1990 an der Uni Klagenfurt lehrenden österreichschen Philosophen und sein Buch "Das Jenseits der Philosophie" vorzustellen. Die Besprechung fand soviel Resonanz, dass schon nach zwei Wochen eine 2. Auflage erforderlich wurde. Aufhänger für den "Spiegel" war der Vorschlag Mitterers, den Begriff der Wahrheit überhaupt abzuschaffen, obwohl das Anliegen des Buches mehr darin bestand zu zeigen, wie der Begriff der Wahrheit eingesetzt und was mit ihm bezweckt wird. Mitterer zeigt in zahlreichen Beispielen, dass der Urteilende sich unvermeidlich immer im Rahmen des von ihm Gesagten bewegt und dass der Rückgriff auf irgendeine im Jenseits des Sprechens liegende Wahrheit, in der das Ausgesagte nochmals als "objektive" Tatsache existiert, nur eine Illusion ist und/oder ein Mittel, den eigenen Standpunkt unangreifbar zu machen. Wahrheit ist ihm immer nur der letzte Stand der Erkenntnis, der mit der Überzeugung verbunden ist, das jeweilige Wissen adäquat ausgedrückt zu haben. Für Mitterer ist die Wahrheit ebenso persönlich wie der Irrtum und es ist nicht möglich, die Verantwortung für die Wahrheit auf andere Instanzen zu überwälzen. Wir sind mithin in der Situation, in der wir das Objekt der Beschreibung von der Beschreibung des Objekts nicht unterscheiden können. Oder wie Goethe es schon formulierte: "Der Gedanke lässt sich nicht vom Gedachten trennen."

An Wittgensteins "Philosophische Untersuchungen" erinnernd und auf sie Bezug nehmend, auch in der Durchnummerierung der Lektionen, übt Mitterer seine Kritik aufgrund sprachphilosophischer Untersuchungen der dualistischen Redeweise, die von einer Dichotomie - etwa von "Sprache-Welt, Beschreibung-Objekt, Aussage-Gegenstand, Sein-Bewusstsein, Subjekt-Objekt und anderen" - ausgeht. Der Versuch, die Beziehung zwischen den Gliedern dieser Dichotomie zu klären, führt zu philosophischen Problemen, wobei die Dichotomie selbst jedoch nicht problematisiert, sondern als conditio sine qua non des Erkenntnisprozesses vorausgesetzt wird. Dies hat zur Folge, dass der Philosophie die Probleme seit Platon erhalten blieben, selbst im radikalen Konstruktivismus. Mitterer versucht nicht eine weitere "Lösung" der etablierten Erkenntnisprobleme anzubieten, er strebt keinen in Mode gekommenen Paradigmenwechsel an, sondern er geht in die Probleme hinein, um sie letztlich als nicht existierend zu zeigen.

Wenn Mitterer schreibt, dass es keine Dichotomie z. B. von Sprache-Welt, Beschreibung-Objekt usw. gibt, so will er damit keinesfalls behaupten, dass es keine Welt oder Objekte gibt, sondern dass es eine Illusion oder Manipulation ist, dass man sich beim Sprechen auf eine Welt oder auf Objekte außerhalb unserer Sprache und unseres Wissen beziehen könnte. Das Objekt des Sprechens ist immer das bisher Gesprochene und das persönliche Wissen und nur auf dieses kann rekurriert werden. Selbst wenn die Diskutierenden beim Diskurs über das Material z. B. "eines Tisches, der in der Ecke steht", sich nicht einigen können und an diesen Tisch herantreten, um ihn näher in Augenschein zu nehmen und ihn ggf. zu betasten, ist es nicht der sog. reale Tisch, der den weiteren Verlauf des Diskurses bestimmt, sondern die bei der Prüfung des Tisches ggf. geänderte Meinung über ihn, die anschließend formuliert wird. Die Behauptung einer jenseits des Diskurses liegenden Wahrheitsinstanz ist nach Mitterer nur ein Mittel des Sprechenden, mit dem er versucht, die Anpassung anderer Meinungen an die eigene herbeizuführen. Als Diskutierende wären wir überzeugt, dass wer eine von unserem Verständnis abweichende Meinung des Sachverhalts hat, sich im Irrtum befindet. Irrtümer werden für persönliche Fehlleistung gehalten, während geglaubt wird, dass die eigene Meinung "objektiv" und daher unpersönlich sei. Sollten jedoch einmal der Eindruck entstehen, dass der andere im Recht ist, wird dessen Meinung übernommen und die eigene fallengelassen, ohne dass es dazu einer außerhalb des eigenen Verständnisses liegenden Wahrheitsinstanz bedarf, wie jedermann weiß.

veröffentlicht in der philosophischen Zeitschrift "Aufklärung und Kritik" 1/1994 (hier einige Anpassungen)

Zum Weiterlesen:
WEGE DES DENKENS - II. Das Verhältnis von Denken und Sein
Datei II/3 Buchbesprechung: Mitterer/Das Jenseits der Philosophie
www.helmut-hille.de/mitterer.html - mit weiteren Texten zu Mitterer


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Philosophische Sentenzen 2013
Newton als rationaler Denker
15.12.2013

Will man nicht auch in der Wissenschaft unverbindlich bloße Meinungen pflegen, bedarf es Kriterien für die Solidität von Aussagen. Zumeist denkt man, in den Naturwissenschaften wäre dies das Experiment. Aber der Ausgang eines Experiments kann durchaus verschieden bewertet werden, je nachdem, in welchem Kontext es steht und was man von ihm erwartet. Daher bedarf es auch Kriterien von Bewertungen. Vorbild für Zuverlässigkeit ist da die Mathematik. Sie ist so angelegt, dass durch alle Rechenoperationen hindurch der numerische Wert der Zahl erhalten bleibt. So ist auch in der Physik von einem Gesetz der Erhaltung auszugehen. Folgerichtig ist heute das Gesetz von der Erhaltung der Energie ihr das oberste Kriterium.

Isaak Newton (1643 - 1727), der im Zeitalter des Rationalismus lebte, der von Descartes (1596 - 1650) gegründet und von und Spinoza (1632 - 1677) in seiner "Ethik" rigoros angewendet wurde, legte 9 Jahre nach Spinozas "Ethik" in seinem Hauptwerk "Philosophiae Naturalis Principia Mathematica", von mir übersetzt "Philosophie der Natur nach Prinzipien der Mathematik" (= nach rationalen Prinzipien), eine Axiomatik der Bewegungslehre dar, die Grundlage der neuzeitlichen Physik wurde. Leider werden die Axiome von den heutigen Physikern zumeist als Tatsachenbehauptungen und nicht als Urteilskriterien verstanden, weil sich ihnen die kognitiv höherwertige Axiomatik nicht erschließt. Descartes nannte seine Aussage, dass "jeder (unbelebten) Körper, so viel an ihm liegt, in seinem Zustand bleibt", das Erste Naturgesetz", das also ein Erhaltungsgesetz ist. Bei Newton lautet das als 1. Axiom entsprechend: "Jeder Körper verharrt (von sich aus)* in seinem Zustand der Ruhe oder der gleichförmig-geradlinigen Bewegung, sofern er nicht durch eingedrückte Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird." Es ist also ebenfalls ein Erhaltungssatz.
*Das "von sich aus" des Verharrens findet sich zuvor in der Definition III und erübrigt jede weitere Begründung des Verharrens z.B. durch einen realen "absoluten Raum", ist dieser doch bei Newton nur ein mathematischer (Darstellungs-)Raum, daher unabhängig von seinen Inhalten, weshalb er ihn "absolut" nannte.

Trotz allem Wandel der Welt ist der Erhalt die Grundbefindlichkeit des Seins. Schon Parmenides in der Antike fragte sich, wo das Sein denn herkommen solle und wohin es gehen könne, und schloss beides aus. Sein oberstes Prinzip war "Sein ist" - ohne Wenn und Aber. Wenn heutige Kosmologen dies beherzigen würden, müsste ihnen klar sein, dass der sog. Big Bang nur das Durchgangsstadium einer zusammenströmenden Materie war, was anzunehmen rational zwingend ist. Aber am rationalen Denken fehlt es eben heute, weshalb ich mit meiner Internetseite WEGE DES DENKENS versuche, dieses Denken den Menschen, vor allem aber den Physikern, wieder nahe zu bringen. Besonders durch Ernst Machs Lehre, man solle sich auf den Augenschein verlassen, der aber eben nur ein Schein und kein Sein ist, ist das solide rationale Denken verloren gegangen, was sich in der theoretischen Physik seitdem schmerzlich bemerkbar macht.

Axiome sind die Anwendung eines allgemeinen, gut abgeklärten Prinzips, das jedermann durch Vernunft prüfen kann. Newtons Axiome sind die Anwendung des Erhaltungsprinzips auf die Bewegungslehre. Bemerkenswert an seinem 1. Axiom ist auch noch die Wendung, dass jeder Körper (von sich aus) "in seinem Zustand der Ruhe oder der gleichförmig-geradlinigen Bewegung verharrt", d.h. physikalisch macht es keinen Unterschied ob wir einen Körper "bewegt" oder "ruhend" sehen, weil "Bewegung" und "Ruhe" nur subjektive, am Lebendigen geübte metaphorische Wertungen des Ruhe- oder Bewegungseindrucks sind, der erst entsteht, wenn der Beobachter durch geistige Verknüpfung einen Körper zu einem von ihm gesetzten Fixpunkt in Beziehung (Relation) setzt, was die Relativität der Bewegung ausmacht. Die sog. Bewegung unbelebter Dinge ist eben von Natur aus relativ, d.h. sie kann nicht ohne die Sehweise des Beobachters verstanden werden. Newton als rationaler Denker und Kenner menschlicher Sehgewohnheiten hat den Denkfehler, dass es physikalisch auf die Bewegung von Objekten ankommt, so von vorn herein ausgeschlossen und in seiner Mathematik die Bewegungsgröße v gleich eliminiert. Mathematisch hat er nur mit der Änderung einer Geschwindigkeit, Beschleunigung genannt, gearbeitet, weil sie das Zeichen einer vom Beobachter unabhängigen objektiv einwirkenden Kraft, also einer realen Ursache ist, was seiner Dynamik ihre zeitlose Gültigkeit verleiht.

Zum Weiterlesen:
Weil wir gerade in der Weihnachtszeit sind:
ZEIT UND SEIN - Text [19] Die Macht der Stille. Newtons Universum und Gottes Wesen
http://www.helmut-hille-philosophie.de/newton.html
verbindet Physik und Metaphysik (war bereits 2011 Januarsentenz)
ansonsten:
ZEIT UND SEIN - Tagungsbeitrag (5)
Newtons Philosophie der Physik - zeitlos!
http://www.helmut-hille-philosophie.de/anhang5.html


Eine nicht eingereichte Philosophische Sentenz, aber nach "Newton als rationaler Denker" als thematische Ergänzung unbedingt hier hergehörend:

Helmut Hille
Newtons Antipode: Einstein als mythischer Denker
Sehnsucht nach dem Irrationalen - Einsteins Pantheon

Die Entwicklung des Weltverständnisses der Menschheit kann man grob wie folgt charakterisieren: Mythos - Philosophie - Religion - rationale Wissenschaft. Christliche Denker versuchten griechische Philosophie (Aristoteles) und christliche Lehre miteinander zu vereinbaren, wobei ihnen die Philosophie jedoch nur "die Magd der Religion" war. Erst in der Renaissance besann man sich in Europa auf die griechischen Originale und versuchte ihnen mit einer rationalen Philosophie und Wissenschaft (Descartes) gerecht zu werden.

Wie die griechische Philosophie im Mittelalter weitgehend verloren gegangen war, so kann auch die rationale Philosophie und Wissenschaft wieder verloren gehen, wenn man sie nicht pflegt. Zum Beispiel ist die Relativitätstheorie Einsteins die Rückkehr zu einem vorphilosophischen mythischen Denken, "als der bildhaften Artikulation einer Erfahrung ... als der Versuch, durch eine bewusst bildhafte Deutung der Welt (gebogener Raum, gedehnte Zeit) dem bereits mythenlosen, aufgeklärten (rationalen) Denken einen neuen "mythischen" Sinn mit aller Verbindlichkeit entgegenzusetzen." ("Mythos" lt. Philosophisches Wörterbuch von Alois Halder und Max Müller) Demgemäß bekannte Einstein, dass bei seinem Denken "Worte dabei keine Rolle spielen" und er eher "ein assoziatives Spiel mit mehr oder weniger klaren Bildern" treibt." (SZ) und folgerichtig hielt er den "gesunden Menschenverstand (Sachverstand, Ursachendenken) für eine Sammlung von Vorurteilen, die man bis zum 18. Lebensjahr erworben hat." Die also abzulegen sind. So der Vernunft beraubt, ist man reif für seine Theorie.

Einstein, nach eigener Einschätzung "ein gläubiger Physiker", der mit seinem Panphysikalismus alles Lebendige, Seelische, Geistige und Metaphysische zu vereinnahmen versuchte, physikalisierte sogar Gott als die "ferne Masse", die allen nahen aber trägheitslosen Massen ihre Trägheit verleiht ("machsches Prinzip"). In der Teilchenphysik hat das Higgs-Boson diese Rolle übernommen, weshalb es auch "Gottesteilchen" genannt wird. Die Raumzeit lenkt diese Massen, wobei das Licht als sie prägende Größe der Arm Gottes ist, nicht beeinflussbar durch die schmutzige Materie, die man am besten gar nicht erst erwähnt. Ohne Rücksicht auf seine Quelle fliegt das Licht mit konstanter Geschwindigkeit immer geradeaus. Wo es dann doch auf krummen Bahnen unterwegs ist, wäre nicht die Bahn sondern der Raum "gekrümmt". Und wenn die Lichtgeschwindigkeit von c abweicht, wären die Messmittel schuld, die (als kleine Teufelchen) den Menschen etwas vorgaukeln würden. Mit Hilfe der Lorentztransformationen zeigt dann Einstein, welches die "wahre" Gott wohlgefällige Lichtgeschwindigkeit ist, weshalb er seine Theorie auch als "Abglanz Gottes" verstand.

2007 ließ man in der ARD-Sendereihe "Giganten" Einstein folgerichtig sagen: "Das Licht regiert die Welt." Obwohl es weder eine Sache "Masse" noch eine Sache "Licht" gibt - das eine ist eine physikalische Messgröße, das andere eine physiologische Erscheinung, die im Kopf entsteht - wäre das Licht etwas Heiliges, jungfräulich Unberührbares und die Ordnungsschemata Raum und Zeit eine heilige Viereinigkeit. Denkt man da weiter, wäre die Konsequenz aus seinen Lorentz-Transformationen und dem machschen Prinzip dann der Bereich der Überlichtgeschwindigkeit das von Theologen vielbemühte "Jenseits", in dem die von ihrer Erdenschwere befreiten, nun zu Gott (der fernen Masse) eilenden toten Seelen am Tag des Jüngsten Gerichts soweit auf Unterlichtgeschwindigkeit abgebremst werden, dass sie auferstehen und mit ihm auf ewig zusammensein zu können - ganz im Ernst: nicht ohne Grund ist besonders katholischen Theologen Einstein seit langen der prominenteste "moderne" Zeitzeuge ihrer Metaphysik, wie ich in einer Vorlesung an der Münchner Uni von zuständiger Seite gesagt bekam. Mythos ist also wieder "modern", Ratio out.

Mit Dingen, die gar nicht existieren, kann man die phantastischsten Weltbilder entwerfen. Einstein: "Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt." So schuf Einstein unter dem Zeitgeist seiner Epoche im 20. Jahrhundert einen neuen Mythos, der alle von Sehnsucht nach dem Irrationalen gequälten Seelen Erlösung verspricht, auch wenn er das nicht ausdrücklich sagte, was man aber aus seinen widersprüchlichen Aussagen herauszuhören vermeint, weshalb seine Theorie mit viel religiöser Inbrunst um jeden Preis verteidigt wird, wie das bei Religiösen immer schon der Fall war - auch um den der Redlichkeit. Einstein jedoch weise geworden in seinem letzten Brief an Jugendfreund Besso es ahnend: "dass von meinem Luftschloß möglicherweise nichts bestehen bleibt."

Zum Weiterlesen:
WEGE DES DENKENS I. Rationale Grundlagen der Physik
Datei I/B17 Der Untergang der abendländischen Denkkultur oder: Der Abschied von der Vernunft
http://www.helmut-hille.de/weisheit.html


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