Helmut Hille (Heilbronn)

Haben wir die Idee der Evolution schon wirklich verstanden?

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In der Forschung treffen Fakten häufig auf ein Denken von Forschern, das diesen Fakten nicht angemessen ist, wodurch es dann das gibt, was sie "Probleme" nennen, die aber eben nur die Probleme ihres unangepassten Denkens sind. Wer also ein Determinist ist, wird selbstschöpferische Hinweise bestreiten oder gleich nicht beachten. Gottgläubige dagegen wollen überall die Hand des Schöpfers im Spiel sehen. Das sind einige der Denkweisen, die der Idee der Evolution noch heute im Wege stehen. Aber es ist auch zu fragen, ob die Anhänger des Evolutionsgedankens selbst ihn immer als einen immanenten selbstschöpferischen Prozess verstanden haben oder verstehen. Fast immer wenn ich Biologen von der Evolution sprechen höre, argumentieren sie mit einem Prozess der "Anpassung", obgleich es genetisch gesehen diesen gar nicht gibt, sowenig wie es die Vererbung erworbener Eigenschaften gibt, eine Idee Lamarcks, der auch Darwin noch anhing. Genetisch gibt es nur einen Prozess der Verzweigung von Stammbäumen durch Varianten einer Art, die bei der Mischung der Gene innerhalb eines Genpools entstehen, wenn wir hier einmal von der Fortpflanzung durch Zellteilung absehen. Die vielzitierte "Anpassung" dagegen ist das Ergebnis einer tatsächlich gegebenen Auslese von Varianten durch die Bedingungen ihrer Um- und Mitwelt in den Augen eines Beobachters, der sich das Ergebnis mit der Vokabel "Anpassung" rational verständlich zu machen versucht und auf diese Weise der Natur einen Anpassungswillen unterstellt. Doch die Natur ist blind und ziellos. Und sie unterliegt auch nicht irgendwelchen Naturgesetzen, sondern was wir Naturgesetze nennen, ist Ausdruck ihres Soseins in einem freien Spiel der Kräfte.

Der durch seine Fernsehauftritte und Bücher einst bekannt gewordene und wohl noch immer populäre Hoimar v. Ditfurth glaubte dagegen nicht an das freie Spiel der Kräfte, die von niemand gesteuert werden, sondern an die Zwangsläufigkeit der Evolution. Da bleibt natürlich nur wenig Platz für selbstschöpferische Prozesse. So braucht es uns auch nicht zu wundern, wenn er, im Gegensatz zu seinem berühmten aber zweideutigen Buchtitel "Der Geist fiel nicht vom Himmel" in eben diesen Buch am Schluss schreibt: "Geist gibt es in der Welt nicht deshalb, weil wir ein Gehirn haben. Die Evolution hat vielmehr unser Gehirn und unser Bewußtsein allein deshalb hervorbringen können, weil ihr die reale Existenz dessen, was wir mit dem Wort Geist meinen, die Möglichkeit gegeben hat, in unserem Kopf ein Organ entstehen zu lassen, das über die Fähigkeit verfügt, die materielle mit dieser geistigen Dimension zu verknüpfen." Also der Geist fiel nicht vom Himmel, weil er immer schon hier war, noch bevor es Gehirne gab. Dass kann dann natürlich nur der Geist Gottes gewesen sein, der (über den Wassern schwebte und) sich nach und nach in uns abgebildet hat. Dieser Gedanke kommt mir irgendwie bekannt vor, (doch er wäre nichteinmal falsch, wenn damit das schöpferische Potential gemeint wäre, das in allen Dingen steckt). Also auch der als großer Evolutionserklärer angesehene Hoimar von Ditfurth hatte den selbstschöpferischen Prozess der Evolution offensichtlich nicht verstanden, denn ich denke nicht, dass er hier allein nur seine religiösen Leser bedienen wollte, auf die er an anderer Stelle auch schon mal Rücksicht nimmt, was wohl heute die Voraussetzung einer erfolgreichen Publikation ist. Das ist auch bei Kosmologen nicht anders: Erst bedient man mit einer Schöpfung aus dem Nichts oder fast Nichts, "Urknall" genannt, bei dem man sich durchaus einen außerweltlichen Schöpfer denken kann, ja vielleicht sogar denken muss, die kirchentreuen Leser, bevor man am Ende verschämt einräumt, um sich doch noch als ein den Grund-Satz vom Erhalt der Energie beachtender Wissenschaftler zu beweisen, dass beim Big-Bang eventuell nur eine neue Ordnung aus einer alten entstanden ist, von der allerdings die Informationen beim Crash verloren gingen. Oder wie ich sage, dabei Kosmos und Universum unterscheidend: Die Kosmen kommen und gehen, doch die Energie, das Universum bleibt. Und nichts steht dem im Wege, unseren, durch einen gemeinsamen Big-Bang in Gang gesetzten Kosmos, als einen unter vielen anzusehen. Durch den Big-Bang wurde die Kette der Evolution zwar durch ein revolutionäres Ereignis örtlich unterbrochen, das aber eben auch nicht vom Himmel fiel, denn dort fand es ja statt. Wir müssen einfach nur aufhören, die Ursachen der Dinge dualistisch aus der Welt herausdenken zu wollen, die dadurch entzaubert und zu einer reinen Verfügungsmasse degradiert wird, mit all den fatalen Folgen, die jeden Tag sichtbarer werden. Es gibt nur diese Welt und wir sind ein verantwortlicher Teil von ihr und sie ist ohne Grenzen in Raum und Zeit. Da bleibt kein Platz für einen außerweltlichen Schöpfer und Lenker! Der Schöpfer ist in der Welt, denn wir haben es ja bei ihr in Wahrheit nicht mit der "toten Materie" zu tun, wie sie uns im Alltag begegnet, sondern mit enormen Energien, die sich einerseits frei im Raum bewegen, andererseits in den Atomen gebunden sind und entfesselt werden können, und die durch ihre Bindungsfähigkeit aus sich heraus ständig neue Konfigurationen hervorbringen, von denen eine davon das Leben war, das in Fortsetzung des Energieflusses eines Tages eine Bahn fand, sich gewaltig zu verzweigen.
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Wollen wir versuchen, die Natur wirklich zu verstehen, dann müssen wir der Aufforderung des schrulligen Physiklehrers in der Feuerzangenbowle, gespielt von Paul Henkels, folgen, der, um das Prinzip der Dampfmaschine erklären zu können, sagte: "Da stelle ma uns mal ganz dumm." Warum wohl? Weil die "Intelligenz" der Natur eben eine ganz andere ist, als die unsrige, auf die wir immer referieren. Die Natur hat nämlich etwas, was wir nicht haben: ZEIT! Und sie hat etwas nicht, was wir haben: EIN ZIEL. Sie schöpft einfach ihre Möglichkeiten aus - nicht mehr und nicht weniger. Schon Heraklit (ca. 544-483 v.d.Z.) erkannte: "Alles fließt!" Und er kannte auch schon den Big-Bang, der aber bei ihm eben kein Urknall war: "Die gegebene schöne Ordnung aller Dinge, dieselbe in allem, ist weder von einem der Götter noch von einem der Menschen geschaffen worden, sondern sie war immer, ist und wird sein; Feuer, ewig lebendig, nach Maßen entflammend und nach denselben Maßen erlöschend." Und im ewigen Wechsel ist einmal Eines in Allem (der gegliederte Kosmos) und andermal Alles in Einem, heute Urknall genannt, der aber eben nur für diesen Kosmos das Urereignis war.

Was aber ist nun das Gesetz des Fließens, soweit hier nicht eine reine Veränderung sondern Neuschöpfung gemeint ist? Hegel beschrieb mit seiner Dialektik, in der aus These und Antithese die Synthese hervorgeht, es in der Sprache der Philosophie eigentlich schon recht gut, was wir heute in der Biologie die Synthetische Evolutionstheorie nennen, die erkannt hat, dass es bei zweigeschlechtlichen Wesen auf die Durchmischung von Genen in einem Genpool ankommt, wodurch in der Synthese neue Wesen mit neuen Eigenschaften entstehen. Das können wir aber auch schon bei Parmenides, einem Zeitgenossen des Heraklit in seinem Lehrgedicht über die Natur lesen: "Als ersten von allen Göttern ersann die gebietende Göttin den Eros." Der also die Geschlechter einander begehren lässt. Und dann: "Wenn Frau und Mann zusammen die Keime der Liebe mischen, formt die Kraft, die diese (Einheit) in den Adern aus verschiedenem Blute bildet, wohlgebaute Körper, wenn sie nur die Mischung bewahrt. Denn wenn die Glieder, nachdem der Samen vermischt worden ist, einander bekämpfen und keine Einheit bilden, werden sie, indem der Same zwiefach bleibt, schrecklich das entstehende Geschlecht schädigen." Parmenides kannte sich da aus, wusste um den Beitrag des weiblichen Eies und kannte sicher auch Missgeburten, denn er entstammte einem Geschlecht von Medizinern, die zu ihrer Zeit das meiste Wissen vom Menschen und von den Dingen der Natur hatten. Rückblickend kann man sagen: im Prinzip haben einige der Mediziner bzw. Philosophen längst gewusst, wie Evolution im Prinzip funktioniert. Naturwissenschaftler haben dann immer mehr wichtige Details dazu beigetragen, die den evolutionären Vorgang im Einzelnen verständlich machen. Das darwinistische Mem hat also schon lange vor Darwin als vernünftiges Argument existiert, das auf eine außerweltliche Instanz verzichten kann.

Wie ich eingangs gezeigt habe, ist das große Problem der Forscher auch heute noch, das Wesen der Evolution als einen immanenten selbstschöpferischen Prozess zu verstehen, der weder geplant noch zwangsläufig ist, der also weder einem Gesetzgeber, noch von außen auferlegten Gesetzen folgt, noch etwas hervorbringt, dass schon vorher entweder als ewige Idee wie bei Platon oder gleich als reale Existenz wie bei Ditfurth vorhanden war. Und am liebsten reden ja Biologen in der bei Naturforschern allgemein beliebten deterministischen Sprache so daher, als wäre "die Anpassung" das Wesen der Evolution. Doch die Veränderung geht von den einzelnen Organismen aus und oft sind sie es, die sich ihre Umwelt passend machen, um ihr Überleben zu sichern. Das fängt beim Nestbau an und endet bei der Umgestaltung ganzer Landschaften durch Biber, Elefanten und Menschen, die sich ein ihnen nützliches Terrain erschaffen, um nicht hilflos den gegebenen Bedingungen ausgesetzt zu sein, was aber bei der Umwelt des Menschen durch seine große Zahl und seiner wachsenden Fähigkeit zur Instrumentalisierung allen Seins für ihn immer mehr zu einem Problem wird, denn nicht die Anpassung, sondern die Überwältigung ist das Prinzip des Lebens. Wer Mimikry betreibt, hat sich zwar äußerlich einer fremden Erscheinungsform "angepasst", doch in Wahrheit hat er sich ihrer Form bemächtigt.

Die Kernfrage lautet also: Wie kann in der vorhandenen Welt etwas qualitativ Neues entstehen? Für Marxisten, die von Hegels dynamischer Erklärung beeindruckt waren, war dies als Materialisten das Umschlagen der Quantität in die Qualität. Doch wie wir heute wissen, existieren reine Quantitäten nichteinmal auf der untersten Ebene in den Atomkernen, deren Bausteine bereits aus einer Mischung qualitativ unterschiedlicher Quarks bestehen, die aber selbst unverbunden nicht vorkommen. Wenn wir von den Elektronen absehen, haben wir es also schon elementar immer mit Qualitäten zu tun, die sich mischen oder trennen, entweder unter Zuhilfenahme von Energie oder durch deren Abgabe, so wie sich in der Sonne unter dem eigenen Gravitationsdruck durch Kernfusion Wasserstoff in Helium verwandelt, während die freigepresste Energie in den Weltraum abstrahlt, Energie, die das Leben auf dieser Erde ermöglicht. Biologisch gesehen könnten wir zwar durchaus sagen, dass durch fortgesetzt kleine Schritte im Wandel einer Art am Ende dadurch eine neue Art herauskommt. Doch bleibt es für mich dabei, dass wir es immer mit Qualitäten zu tun haben, die durch Synthese neue Qualitäten erzeugen.

Dieser Vorgang wird am besten mit dem aus der englischen naturalistischen Metaphysik stammenden Begriff "Emergenz" beschrieben. Was ist Emergenz? Laut Gröners philosophischen Wörterbuch bezeichnet Emergenz "das Auftauchen" bzw. "auftauchen lassen" "der Dinge aus dem aus Raum-Zeit-Punkten bestehenden Grund der Welt, die sich mittels einer "auftauchenlassenden Entwicklung" (emergent evolution) immer höher erheben, indem ihnen Kategorien und Qualitäten in steigender Zahl beigelegt werden" und zwar, wie ich es sehe, durch die Verbindung qualitativ unterschiedlicher Komponenten zu neuen Einheiten mit eigenen Gesetzmäßigkeiten, die durch diese Verschränkung erst selbst hervorgebracht werden. Es ist eben sinnlos z.B. die Existenz von "chemischen Gesetzen" anzunehmen, solange es keine Moleküle gibt. Aber so wie infolge der Affinität der Materie Kernbausteine und Elektronen sich zu Atomen verbinden, so wie die Verbindung von Sauer- und Wasserstoff Wasser ergibt, so wie die Verschmelzung elterlicher Gene ein von ihnen verschiedenes Lebewesen wachsen lässt, so machen auf der mentalen Ebene die kognitiven Strukturen des Gehirns aus hereinströmenden Daten ihm plausible Informationen und schaffen so eine neue, vorher nicht existierende Qualität, die wir die geistige nennen. Immer ist es das gleiche Prinzip der Mischung unterschiedlicher Qualitäten, das durch Integration (oder auch durch Zerfall) neue Qualitäten und damit neue Wirklichkeiten hervorbringt - ein Prinzip das antike Denker schon sahen und das die moderne Forschung glänzend bestätigt hat! So kann auch der so genannte Urknall nur ein Akt der Integration von aufeinander zu bewegten Resten davor existierender Kosmen zu einer neuen kosmischen Einheit gewesen sein, ausgelöst durch die bei der Verdichtung entstehende Antimaterie. Diese kosmische Einheit zeigt sich darin, dass über alle Distanzen hinweg ihre Teile in Form der Schwerkraft miteinander verbunden bleiben und zueinander hin streben, woran sie jedoch im Großen von den beim Big-Bang erzeugten Fliehkräften gehinderten werden, während die Schwerkraft örtlich kugelförmige Himmelskörper erzeugt. Und das Gleichgewicht dieser beiden Urkräfte ergibt den gegliederten Kosmos, wie ihn uns der Sternenhimmel zeigt - der größtmögliche Beweis einer These.

Letztlich ist jeder Akt der Hervorbringung einer neuen Einheit durch Synthese ein "Urknall" im Kleinen zu nennen, und die Evolution wäre daher eine Kette von kleinsten bis größten "Urknallen" oder Revolutionen. Kein Wunder, dass neben allem Beharren auch immer wieder Neues entsteht, sei es im Universum, sei es im von uns bewohnten Kosmos, sei es hier auf der Erde, sei es im Kopf eines Menschen in Form einer neuen Idee, die bisher geistig Unverbundenes verbindet, sei es in Form jeder Art von Kreativität. Und auf der sozialen und politischen Ebene nennen wir eine solche Synthese "Kompromiss", der eine menschliche Gemeinschaft ihre Probleme in friedlicher Weise zu regeln imstande sein lässt.

Mit "Emergenz" ist also weder das Auftauchen von Qualitäten aus dem Nichts gemeint, noch von Eigenschaften, die irgendwo schon immer fertig existierten. Emergente Eigenschaften sind Qualitäten, das heißt nach außen gerichtete Wirkungen, die sich erst in einer neuen Verbindung erweisen. Sie existieren somit vorher zwar potenziell - doch ohne dass die einzelnen Emergenzpartner sie besitzen! Daher ist es umgekehrt auch nicht möglich, das Emergente allein durch die daran beteiligten Wirkpartner erklären zu wollen, wie es die Reduktionisten versuchen, um scheinbar "alles ganz einfach zu erklären", was ihnen jedoch nicht gelingen kann, weil ja etwas Neues entstanden ist, z. B. Leben. Die chemischen und physikalischen Bestandteile des Lebewesens können nicht erklären, wieso es lebt, denn "Leben" ist ja gerade die sich selbst durchhaltende Organisation von Materie mit dem einzigen Ziel der Selbstreproduktion, während der Organismus selbst etwas Vergängliches ist. Insofern könnte man die Gene egoistisch nennen, was sich auch gut verkauft, was jedoch auch wieder nur eine weitere anthropozentrische Sichtweise ist, die der Sache nicht gerecht wird. Nein, die Gene versuchen einfach, wie alles Existierende, sich und damit die in ihnen gespeicherten Informationen über die Organisation von Materie und deren Umsetzung zu erhalten. Erhalt ist das Gesetz des Seins überhaupt, dem auch das Gesetz von der Erhaltung der Energie entspringt. Aber genau dieses universelle Erhaltungsverlangen ist es auch, das zu Wechselwirkungen und Synthesen führt, in die sich die Beteiligten einbringen und auf diese Weise des Erhalts Neues entstehen lassen! Beharren und zugleich Evolvieren sind also keine Widersprüche, sondern die zwei unvermeidlichen Seiten ein und desselben Vorgangs. Ich komme am Ende noch einmal darauf zurück.

So wenig wie die Hinzunahme eines "Schöpfers" wissenschaftlich irgend etwas erklärt, wenn man ihn nicht als die Metapher des schöpferischen Prozesses selbst ansieht, so wenig ist jener Reduktionismus in der Wissenschaft hilfreich, der in seiner materialistischen Doktrin alle Phänomene rein materiell "zu erklären" versucht. Wenn heute immer wieder gesagt wird, das Bewusstsein sei noch nicht "erklärt", heißt das im Klartext: es ist noch nicht rein materiell erklärt. Wir sollten uns da nicht bluffen lassen. Es ist ein Irrweg von Physikern, das Bewusstsein quantenmechanisch "erklären" zu wollen, was für mich nicht nur ein mangelndes Verständnis des Bewusstseins, sondern auch eines der Quantenmechanik beweist, die ja keine Theorie ist, sondern nur aufzeigt, wie mit dem Wissen über Quanten möglichst objektiv umzugehen ist. Immer wenn Physiker etwas "zu erklären" versuchen, was eigentlich klar ist, passen ihnen die Fakten nicht - seien es Messergebnisse oder nichtmaterielle Phänomene. Aber auch die so genannten "materiellen" Phänomene sind nur von uns als "materiell" eingestufte Phänomene und nicht schon irgendwelche Sachen.

Wie alle Daseinsebenen durch evolutionär hervorgebrachte eigene Qualitäten und Gesetzmäßigkeiten gekennzeichnet sind, so trifft dies natürlich auch auf das Geistige zu, was selbst Anhänger des Evolutionsgedankens nicht gern wahr haben wollen, letztlich wohl um den naiven Realismus und den Glauben an objektive Wahrheiten zu retten. Wie schon zitiert, hält es z.B. Hoimar von Ditfurth für notwendig, dass "die reale Existenz dessen, was wir mit dem Wort Geist meinen", dem menschlichen Geist vorausgegangen sein müsste, wohl um dessen Solidität und damit auch um Ditfurths eigene zu garantieren. Bei Popper, der immer die "objektive Erkenntnis" beschwor, weshalb das Subjekt des Erkennens bei ihm gleich gar nicht vorkam, und vielen Anhängern der Evolutionären Erkenntnistheorie wiederum finden wir die Aussage, das Wissen würde wie die natürliche Evolution rein durch Versuch und Irrtum evolvieren. Dies ist eine Biologisierung der Vernunft, durch die die Eigenständigkeit des Mentalen verfehlt wird. Doch man kann es eben auch anders sehen. Zitat: "Zwar spielen in der Evolution des Wissens zufälliger Erkenntnisfortschritt und Ausmerzung des Irrtums, auch Versuch und Irrtum eine bedeutende Rolle, aber auch Methodenreflexion, Analyse, Deduktion und Induktion als planmäßig vollzogene Heuristik. Letztere aber finden sich so wohl nicht in der Natur", wie es als Fazit im "Lehrbuch der Evolutionären Erkenntnistheorie" von Bernhard Irrgang heißt, der die Zukunft der Erkenntnistheorie in einer Verbindung von Philosophie und Gehirnforschung sieht, der Neurophilosophie, eine neuartige Synthese zwischen Fakten und philosophischen Fragestellungen, für die ich ausdrücklich werbe. Die Annahme, ausgerechnet in der Deutung des kognitiven Apparates könnte man ohne prinzipielle philosophische Fragen und deren Abklärung auskommen, halte ich für besonders naiv. Ohne eine solche Abklärung schiebt man dann nur seine Vorurteile vor sich her.

Wer dem Geistigen seine ihm eigenen Qualitäten und Gesetzmäßigkeiten bestreitet, bestreitet letztlich auch das, was das Menschsein ausmacht: Kultur, Zivilisation, Weisheit und Würde. Bringt der Urgrund aller Erscheinungen durch Emergenz die Phänomene des Daseins hervor, so ist er eben selbst nichts von allem. Daher sollten wir es auch unterlassen, ihn als "materiell" "lebendig" oder "geistig" einzustufen. Wie so oft, wussten es die alten Chinesen in ihrem Universalismus auch da schon besser. Zitat: "Das Namenlose ist der Ursprung des Himmels und der Erde", so Laotse, ein weiterer weiser Zeitgenosse des Heraklit, in einer Ära, welche Jaspers die "Achsenzeit" nannte, in der menschliches Denken weltweit eine höhere Stufe der Bewusstheit erlangte, hinter die wir heute nicht zurückfallen sollten. Laotse: "Andere erkennen ist klug, sich selber erkennen ist weise." Bemühen wir uns also um Weisheit.

Um zu einem echten Verständnis der Welt zu kommen, hilft nur, in ihre Daseinsebenen hinein zu gehen und ihre Eigen-Arten ohne Wenn und Aber zu akzeptieren. Wir sollten nicht einen Anti-Geist pflegen wollen, der echten Geist und echte Gefühle zu reduzieren versucht. Nicht nur in Politik und Wirtschaft sollten wir global denken. Auch in der Wissenschaft sollten wir allen Phänomen des Daseins aufgeschlossen gegenübertreten und sie in Liebe verstehen wollen. Nur so bleiben wir in der Fülle des Seins!

Merke: Emergenz ist der immanente Schöpfungsprozess, durch den sich die Fülle des Daseins ganz natürlich ergibt. Eine emergente Sichtweise nimmt weder den Dingen etwas, noch gibt sie ihnen etwas von außen dazu. Emergenz ist die Weltformel schlechthin, aber ohne Formel die uns den phänomenalen Reichtum des Erlebens verständlich macht. Emergenz bezeichnet das Wirken eines universellen Potenzials, das für unseren, an den Phänomenen geschulten Verstand transzendent ist. Aber natürlich ist niemand daran gehindert, Emergenz als Ausdruck oder Ausweis einer höheren Weisheit zu verstehen, wenn ihm eine solche Annahme für sein Dasein sinnvoll erscheint. Da sollten wir tolerant sein. Und sich selbst in Eins mit dem größten Ganzen zu sehen, ist allemal erhellend.

Im Sechsten Spruch beschrieb Laotse das immanent schöpferische Prinzip des Urseienden - seine "Gestaltunsgabe", wie es in der Interpretation von Carl Dallago heißt, das dem deterministisch-linearen Denken so viele Probleme bereitet -, da sehr viel kürzer, dabei das ewig Beharrende mit dem ewigen Neuentstehen in einem sehend:

    "Das Urseiende wandelt sich nicht.
    Es ist das Ewig-Mütterliche.
    Des Ewig-Mütterlichen Gestaltungsgabe
    ist der Ursprung von Himmel und Erde.
    Stetig gebärend bedarf es nie der Befruchtung."*
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

*s. aber auch Meister Eckhart: "Dieser Grund (aller Dinge) ist eine reine Stille, die in sich selber unbeweglich bleibt, und von dieser Unbeweglichkeit (ihr Beharrenwollen im Sein) werden alle Dinge bewegt." - sinngemäß auch alle Beharrungs- und Erhaltungssätze der Physik


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