DPG-Tagung der Sektion Materie und Kosmos (SMuK) 2022 vom 21.03. - 25.03.2022 (virtuell)
3 Texte zur Rolle des Beobachters (Trilogie) - hier der 3. Text, für AG Phil, Vortrag vom 25.03.2022

Die Erfindung der Zeit

Abstract

Die Zeit ist nicht nur Physikern und Philosophen ein Rätsel, das sie in immer neuen Anläufen zu entschlüsseln versuchen. Richtig ist, sie als Dimension zu bezeichnen, nämlich die des (zeitlichen) Nacheinanders, neben den 3 räumlichen Dimensionen des Neben-, Über- und Hintereinanders. Das räumliche Erleben geschieht dadurch, dass das Gehirn die 2-dimensionalen Bilder der Wahrnehmung - es gibt keine anderen! - so überlagert, dass ein räumlicher Eindruck entsteht. Gleiches geschieht mit den gerichteten Schallwahrnehmungen der beiden Ohren beim Stereohören. So wie ferner das Gehirn das Farbensehen zur besseren Unterscheidung von Objekten erfunden hat, wo gar keine Farben sind, so hat es auch das Zeiterleben erfunden, obwohl alle Dinge nur in der Gegenwart existieren, die zeitlos ist. Jeder Moment ist so gegenwärtig wie jeder andere, Die Rolle des Beobachters in allen Wahrnehmungen kann also gar nicht überschätzt werden. Trotzdem wird sie so wenig verstanden, weil das Gehirn das so will. Es möchte ungestört arbeiten können, weshalb es sich bedeckt hält. Es kann hier mit Hilfe der Neurophilosophie* gezeigt werden, wie es zum Zeiterleben kommt, das für unser Menschsein unverzichtbar ist.
*Verbindung von Ergebnissen der Hirnforschung mit philosophischen Fragen (eine junge Richtung der Philosophie)


Referat
(17 Teilnehmer)

Sehr verehrte Anwesende,
Beginnen wir mit einem scheinbaren Paradoxon. Der Physiker und Gehirnforscher Jürgen Krüger von der Universität Freiburg stellte fest: "Da lacht sich das Gehirn ins Fäustchen. Es ist dasjenige Organ, das die Erforschung seiner eigenen Leistungsfähigkeit, mittels eben dieser Leistungsfähigkeit bestmöglich zu verhindern weiß." Doch warum tut es das? Antwort: um ungestört arbeiten zu können. Es muss nämlich sehr schnell interpretieren, was durch die Sinne hereinkommt, denn die augenblickliche Interpretation beliebiger Daten ist für das Überleben des Gehirnträgers äußerst wichtig. Das Gehirn ist in erster Linie seinem Träger verpflichtet, nicht einer nutzlosen objektiven Wahrheit. Es bereitet die Welt für seinen Träger so auf, dass er möglichst effektiv mit ihr umgehen kann. Nur ein solches Verhalten belohnt die Evolution. Daher die ganzen Erfindungen des Gehirns wie die Erfindung des Farbensehens zur besseren Unterscheidung von Objekten und ihrer Teile, wo gar keine Farben sind, und des räumlichen Sehens zur besseren Orientierung, obwohl für das einzelne Auge die Welt nur zweidimensional ist. Ebenso ist das beim Stereohören. Und dann ist da noch die Erfindung des zeitlichen Erlebens, obwohl alle Dinge nur in der Gegenwart existieren, die zeitlos ist. Jeder Moment ist so gegenwärtig wie jeder andere. Trotzdem ist die Erfindung der Zeitdimension die für das Indivi-duum wichtigste Erfindung der Evolution, wie wir gleich sehen werden.

Ohne das Gedächtnis hätten wir nur Augenblickswahrnehmungen ohne über sie hinausgehende Bedeutung. Es gäbe für uns nicht nur keine Erinnerung, sondern überhaupt nichts Zeitliches, kein Vorher und kein Nachher, keine Bewegung und keine Veränderung, auch keine Sprache und keine Melodien! Doch das Gedächtnis behält diese Augenblickswahrnehmungen nicht nur in Erinnerung, sondern verbindet sie und setzt sie zueinander in Beziehung, so dass aus sinnlosen Einzellauten plötzlich schöne Melodien bzw. sinnhafte Wörter und Sätze werden, die in Erinnerung bleiben. Wir wissen, wer sein Gedächtnis verliert, verliert auch sein geistiges Menschsein, weshalb diese Leistung des vergleichenden Gedächtnisses, wie ich es bemerkt und vorläufig genannt habe, nicht überschätzt werden kann. Daher lohnt es sich, sich mit dem geheimnisvollen Zeitphänomen, einem Geschenk des Erinnerungsvermögens, näher zu befassen, wollen wir uns und die Welt verstehen. - Als Aufklärer schreibe und spreche Ich bewusst möglichst allgemeinverständlich. Fachwissenschaftler mögen da mal eine andere Terminologie verwenden, schon um lieber unter sich bleiben zu können. Wissenschaft ist tendenziell hermetisch. Wie das Gehirn selbst.
      *(Das Zeiterleben ist den Menschen unterschiedlich gegeben. Ich z.B. kann Laute zwar gut verbinden, singe also richtig, kann sie jedoch nicht vergleichen, weiß also nicht, ob der folgende Ton höher oder tiefer ist, weshalb ich kein Instrument spielen kann. Habe daher großen Respekt vor denen, die es können.)

Die Rolle des Beobachters ist also umfassend. Dass sie trotzdem regelmäßig verkannt wird, hat mit der Taktik des Gehirns selbst zu tun, sich im Verborgenen zu halten, um ungestört arbeiten zu können. Siehe das Zitat von Jürgen Krüger. Zudem traut es als sehr altes Organ seinem jeweiligen Träger mit seinem begrenzten Wissen und Verständnis nicht. Das Gehirn hat nämlich auch eine verborgene Ratio, die auf der in seiner Geschichte gewonnenen Überzeugung beruht, dass es keine Wirkungen ohne Ursachen und keine Ursachen ohne Wirkungen gibt, Das ist für die Ratio die Grundbefindlichkeit der Welt. Der Aberglaube findet nur die richtigen Ursachen nicht. Selbst der Zauberer in der Manege muss wenigstens "Abrakadabra" sagen, damit der Geist erscheint. Ohne Ursache keine Wirkung. Darum fragen Kinder so hartnäckig "Warum?" "Warum?" Man muss ihnen das nicht beibringen, es ist in ihnen angelegt. Ich sage gern scherzhaft: der Mensch wird als Genie geboren und dann durch Erziehung verdummt. Ferner ist uns von der Ratio unseres Gehirns vorgegeben, was richtige Urteile ausmacht, z. B. dass es ein ewig Existierendes und Schöpferisches, geben muss, das wir Gott nennen, damit wir die Existenz der Welt verstehen. Daher die Hartnäckigkeit des Gottes gedankens zu allen Zeiten und bei allen Völkern. Ein Urknall aus dem Nichts und durch nichts, wie er heute von Physikern gelehrt wird, ist da schlicht irrational. Nicht jedoch der Gottesgedanke an sich! Hier die Auflösung: Unterscheidet man Universum und Kosmos, letzterer als eine aus einem gemeinsamen Ereignis im Universum hervorgegangene neue Einheit, wie ich es schon vor der DPG öfters vorgetragen habe, dann verschwinden die logischen Probleme heutiger Kosmologen. Merke: Die Kosmen kommen und gehen, doch die Energie, das Universum, das ohne Grenzen ist in Raum und Zeit, bleibt. Diese meine Weltsicht ist jedoch gar nicht so neu. Bereits Anaximander aus Milet (um 611 - 545 v.d.Z.) lehrte der Ratio gemäß: "Das Unbegrenzte ist der Ur-Sprung von allen. Denn aus diesem entstehe alles und zu diesem vergehe alles. Weshalb auch unbeschränkt viele Welten produziert werden und wieder vergehen zu jenem, aus dem sie entstanden sind." Nehmen wir die Ratio ernst, seien wir rational, seien wir Wissenschaftler.

Aufklärung heute ist die Aufklärung der Beobachterrolle! Das kann manchmal schmerzhaft sein, wächst uns dadurch doch auch Verantwortung zu, was manche gar nicht mögen. So berief Einstein sich gern "auf den Standpunkt Gottes", nicht aus Frömmigkeit, sondern um für seine Überzeugungen keine Verantwortung übernehmen zu müssen, denn er wusste nicht, warum er sie hatte, waren sie doch der Spiegel seines unerkannten Autismus. Niemand wusste zu seiner Zeit etwas vom Autismus. In seinem "Weltbild" heißt es von ihm dazu: "der Mensch handelt nach äußerer und innerer gesetzlicher Notwendigkeit, ist also vom Standpunkt Gottes nicht verantwortlich, sowenig wie ein lebloser Gegenstand für die von ihm ausgeführten Bewegungen." Also aus gerechnet "vom Standpunkt Gottes" soll es für das eigene Tun von Menschen keine Verantwortung geben. War die ganze Evolution denn vergebens? Wo bleibt unser Menschsein? Warum kommen wir hier überhaupt noch zusammen? Nein, es war Einsteins persönliches Problem und ist es derjenigen, die unter Autismus leiden oder ihm unkritisch folgen. Wenn Einstein dagegen mit seiner Aussage, dass die Lichtgeschwindigkeit für jeden Beobachter die gleiche ist, selbst keine logischen Probleme hatte, gleich ob der Beobachter still steht, gleich ob er sich in Richtung des Lichtes bewegt oder ihm entgegen, dann deshalb, weil autistisch ein Beobachter gar nicht existiert und er deshalb auch keine Rolle spielen kann und darf. Er darf da nicht einmal einen Schatten werfen! Das ist der autistische Sinn der RT und Spiegel ihre Schöpfers: weg mit dem nur störenden Menschen, die man - vor allem aber als Autist - sowieso nicht versteht. Vielleicht beginnen Sie jetzt zu ahnen, welche Abgründe sich in der Theorie verbergen. Und weil die Priorität des Materiellen zugleich die Überzeugung der Materialisten der ganzen Welt ist - für sie bestimmt das Sein das Bewusstsein - wird ständig und überall versucht "zu beweisen", dass Einstein Recht hat. Auch dies gilt es zu verstehen, bevor man sich davon beeindrucken lässt. Zudem ist jeder Beweis nur so viel wert, wie der Geist, in dem er geführt wird. Ich bemühe mich eher Einstein vor dem zahlreichen Missbrauch zu schützen, denn er war kein Ideologe, sondern ein ewig Suchender voller Tragik, die er mit seinem Humor zu überbrücken versuchte. Auch das gehört zu "Einstein verstehen". Das gelingt, wenn man weiß, was Autismus ausmacht.

Sich seiner selbst bewusst zu werden war ein weiterer Schritt in der Evolution des Bewusstseins. Schon mancher Affe erkennt im Spiegel sich selbst. Auch wenn wir Menschen mit Spiegeln da kein Problem haben, stehen wir trotzdem mehr oder weniger oft erst am Anfang unserer Selbsterkenntnis. So glauben wir in tiefer Bewusstlosigkeit unseres eigenen Tuns z.B., dass Uhren die Zeit messen, als wäre sie z.B. ein Gas, das da irgendwo strömt. Selbst der Präsident der PTB glaubt das, der es doch eigentlich besser wissen sollte. Denn messen ist ein kognitiver Vorgang des Vergleichens einer unbekannten Größe mit einer bekannten, damit die unbekannte Größe uns bekannt wird, in diesem Fall die Uhrzeit. Uhren sind Zeitzeiger indem sie Zeitpunkte geben. Uhren wissen nichts, Uhren messen nichts, Uhren gehen stur ihren vorgegebenen Gang und zeigen ihn an. Und wenn die Anzeige der Greenwichzeit entspricht, gehen sie richtig. Und nur dann! Und der Vollständigkeit halber ist noch zu sagen: physikalisch ist die Zeit ein Maß der Dauer und die Dauer die Differenz zweier Zeitpunkte. Was gibt es daran nicht zu verstehen??? Jedermann praktiziert das auch so - ganz selbstverständlich. Nur Theoretiker sehen beim Gang der Uhren geheime Raumzeitmächte am unheimlichen Werk, um "zu erklären", warum man die Bewegung der Erde bei ihr selbst nur nicht messen kann (denn physikalisch verharrt sie nur in ihtrem Zustand - Newton, 1. Axiom). In seinem letzten Brief an Freund Besso hat Einstein sich eingestanden "dass von meinem Luftschloss möglicherweise nichts bestehen bleibt". Ich denke jedoch, die RT wird nie ganz untergehen, sondern sie wird immer zum Gesamtkunstwerk Einstein gehören, das die Weltoffentlichkeit so bewegt hat, weil sie nichts vom Autismus wusste.

Autisten fehlt das Selbstbewusstsein oft ganz. Sie erkennen ihre eigene Rolle nicht und können sich dadurch auch nicht in das Fühlen und Denken anderer und ebenso nicht in die Eigenart anderer Dinge hineinversetzen. Ihnen fehlt eine wichtige von der Evolution entwickelte Fähigkeit, die man Empathie nennt, für welche Hirnforscher Spiegelneuronen verantwortlich machen. Empathie ist sowohl für den Frieden einer Gemeinschaft, als auch für den Besitz von Sachverstand unerlässlich. An deren Stelle haben manche Menschen schon von Jugend an einen direkten Zugang zu Regionen ihres Gehirns, die ihre eigene Logik haben wie Musik und Mathematik, die normalerweise zu Gunsten der viel wichtigeren sozialen Kompetenz verschlossen bleiben. Sie spielen schon mit 2 Jahren Klavier, können aber mit 20 Jahren sich immer noch nicht die Schuhe binden. Einstein musste noch mit über 40 von seiner Frau noch gefüttert werden. Das sind dann die bestaunten Wunderkinder und Genies mit einseitiger Begabung und sozialen Defiziten, die so faszinieren. Doch der Volksmund weiß ebenso, wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Also wundern Sie sich nicht. (Übrigens: Die Quelle des Autismus liegt im linken Schläfenlappen, ebenso die der Schizophrenie - ein Familienerbe von Einsteins Mutter, dem sein Sohn Eduard erlag.)

Sie sollten sich aber fragen: ist es erstrebenswert sich selber fremd ein Autist zu sein und/oder die Wissenschaft einseitig in einer begrenzten autistischen Perspektive zu halten und sich in autistischer Manie gegen jede andere Lösung zu wehren? Zudem leben wir in einer Zeit, in der es immer wichtiger wird, die Rolle des Menschen in der Welt gründlich zu bedenken und ihr gemäß entschlossen zu handeln, damit dieser Planet bewohnbar bleibt. Gerade die von der Gemeinschaft zu ihrem Schutz hoch dotierte Wissenschaft steht da voll in der Verantwortung und sollte da vorangehen und nicht immer wieder anachronistisch deterministische Ideen der Kaiserzeit als noch immer gültige höchste Weisheit verkünden. Denn woher wollen wir die "Standpunkte Gottes" denn kennen und was haben sie überhaupt mit Wissenschaft zu tun? Es geht in der Physik um vielmehr als um gefällige Theorien mit denen man sich schmücken kann. Es geht um die Zukunft des Menschen und seines Planeten! Was kann es wichtigeres geben? Auch hierzu Einstein hellsichtig: "Man kann ein Problem nicht mit der Denkweise lösen, die es erschaffen hat. Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will".

Ich hoffe, ich habe Ihnen mit Einblicken in die Neurophilosophie nicht zuviel zugemutet. Manches konnte ich hier nur andeuten. Trotzdem konnten Sie merken, wie große Probleme plötzlich keine mehr sind und Hypothesen sich erübrigen. Dies ist mein letzter Vortrag vor der DPG und ich musste Ihnen das doch mal sagen. In unserer Zeit gehört der neurophilosophische Ansatz sicher zu "einer neuen Art von Denken" von der Einstein sprach. Aber ihr Kern ist so neu nicht. Bereits am Tempel zu Delphi hieß es: "Erkenne dich selbst." Und bei Laotse im alten China heißt es im 33. Spruch zur gleichen Zeit, so um ca. 500 v.d.Z.
      "Andere erkennen ist klug,
      sich selber erkennen ist weise;
      Andere lenken ist Macht,
      sich selber lenken ist Erleuchtung;
      Sich selber durchdringen ist Kraft,
      sich selber aufgeben ist Reichtum."

Zu letzteren passt was Sokrates sagte: "Ich weiß, dass ich nichts weiß". So der Wissensillusion ledig, fängt der Weise an zu verstehen. Man ist dann nicht mehr der Knecht seiner Meinungen, sondern wird aufgeklärt zur Stimme des Seins! Das ist der höchste Sinn menschlichen Lebens. Streben Sie ihm nach!

      Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Autor und Vortrag:
Helmut Hille, Heilbronn
FV DD, Mitglied der AG Phil

Zur Nachfrage nach meinen Quellen zu Einsteins Autismus ist auf WEGE DES DENKENS zu finden:
Anmerkungen zur Sendereihe von 2005 "Expedition ins Gehirn" und Einstein als Autist. Buchauszüge  (jeweils Untertitel)


zu den 3 Abstracts      alle Tagungsbeiträge      zum Seitenanfang

Dokument: http://www.helmut-hille-philosophie.de/heidelberg_c.html