Europäischer Unitariertag EUT2017 in Ulm/Neu-Ulm Pfingsten 2017
Workshop, Samstag, den 4. Juni 2017 14 Uhr, Leitung Helmut Hille


Zeit und Sein - warum Menschen glauben und nach Sinn suchen


Kurztext

Es ist doch immer sehr erhellend zu wissen, warum wir etwas denken und tun - beim Glauben sogar oft mit Eifer. Der Volksmund sagt: glauben heißt nichts wissen. Trotzdem ist die überwiegende Mehrheit der Menschen glaubensbereit - und, wie ich zeigen kann, das mit verständlichem Grund. Auch die Frage nach dem Sinn des Lebens und des eigenen Daseins wird immer wieder gestellt. Biologisch ist sie gut zu beantworten, aber der Mensch will geistige Ziele - und die können nur aus ihm selber kommen, denn der Geist ist nur im Menschen zuhause. Das ist eine meiner grundsätzlichen Antworten, so wie ich sie in vielen Aufsätzen und Vorträgen, auch vor Unitariern, vorgestellt habe. Als Spezialist für das Grundsätzliche und als Universalist für das Allgemeine versuche ich den Zuhörern in grundsätzlichen, den Glauben betreffenden Fragen Sicherheit zu geben oder auch, sie vom Glauben zum Wissen zu führen.


Vortrag

Hier sei zuerst Kants berühmter Satz zitiert: "Die Vernunft stellt mehr Fragen, als sie nach ihrer Natur beantworten kann."
Vorausgesetzt ist, dass es sich um vernünftige Fragen handelt, denn es ist ja die Vernunft, welche fragt. Und was macht der Mensch mit Fragen, die ihn bewegen, die er sich aber nicht beantworten kann: er glaubt, er glaubt an plausible Antworten, die seinem Wissensstand und seinem Interesse dienen. Also nicht an beliebige Antworten, die für ihn wenig bis keine Bedeutung haben. Damit ist eine, wenn nicht gar die Grenze überhaupt noch vernünftigen Glaubens aufgezeigt. Denn "wahr" ist, was sich bewährt!

Um sich ein Bild von der Welt zu machen und seinen Ort darin zu finden geht es vor allem um die Frage nach dem Ursprung der Welt und nach der Art der schöpferischen Kraft, welche die Natur regiert, die bis heute selbst von Naturwissenschaftlern zumeist mit "Gott" beantwortet wird. Lassen wir zuerst einmal die Frage nach der Natur Gottes außen vor, so ist dies eine rational nachvollziehbare Antwort, denn von Nichts kommt nichts. Die Ratio verlangt, dass es für das Sein ein Unerschaffenes und ewig Existierendes geben muss. Das ist also gerade kein Glaube und es war von der Kirche konsequent, für den Big Bang der Physiker, Gott als Schöpfer zu sehen.

Der Fehler liegt hier bei den Physikern, bei ihrem notorisch schlechten Sprachgebrauch, welche den von uns bewohnten und beobachtbaren Kosmos als "Universum", also als das All-Eine bezeichnen oder ebenfalls noch schlecht, wenn auch schon etwas fortschrittlicher, wenn sie von "Multiversen" oder "Paralleluniversen" reden, was ein Widerspruch in sich ist, denn es kann nur ein All-Eines geben! Haben wir dieses wirklich All-Eine akzeptiert, dann ist die Gottesfrage nach dem Ursprung unserer Welt, nämlich unseres Kosmos beantwortet, denn das Universum ist das ewig Existierende. Oder wie schon Anaximander aus Milet (um 611 - 545 vor Chr.) lehrte: "Das Unbegrenzte ist der Ursprung von allen." Aber wie bisher schon Gott nicht hinterfragbar war, so gilt es auch, das Universum ohne Wenn und Aber zu akzeptieren. Die Frage nach seiner Herkunft oder seinem Ziel ist unvernünftig, denn dann wäre das Sein nicht mehr ursprünglich. Es ist einfach da! Und das ist kein Glaube sondern Fakt.

Für das Schöpferische in der Welt hat die englische Metaphysik den Begriff der "Emergenz" geprägt. Emergenz ist durchgehend: Emergenz bezeichnet das "Auftauchen" vorher nicht vorhandener Eigenschaften bei der Verbindung oder dem Auseinanderfall qualitativ unterschiedlicher Komponenten. So wie Kernbausteine und Elektronen sich zumeist dauerhaft zu Atomen verbinden, so wie die Verbindung von Sauer- und Wasserstoff Wasser ergibt, so wie die Verschmelzung elterlicher Gene ein von ihnen verschiedenes Lebewesen wachsen lässt, so machen die kognitiven Strukturen des Gehirns aus objektiven Daten brauchbare Informationen und schaffen so auch hier eine neue Qualität, die wir die geistige nennen.

Kommen wir noch zu der Menschen immer wieder bewegenden Sinnfrage, nicht nur nach dem Sinn des Handeln und Schaffens, wo sie zu stellen ja vernünftig ist, sondern nach der des Lebens oder gar der Welt. Weil eben die Ratio vernünftigerweise immer Begründungen sucht, so fragt sie auch nach Begründung in diesen Fällen. Aber wir sollten uns da nicht beirren lassen. Wie die Existenz des Universums weder Gründe braucht noch logisch verträgt, so ist auch das Leben zuerst einmal da. Aber nicht die Individuen, nicht einmal die Spezies sind das durch Reproduktion sich zeitlich Durchhaltende, sondern die reproduzierende Organisation von Materie ist es, niedergelegt in den Genen jeder Zelle. Aufgabe der Individuen ist dabei, diese Gene an die nächste Generation weiterzugeben, also für Nachwuchs zu sorgen. Das ist der biologische Sinn des Lebens. Aber geistig müssen wir uns selber einen Sinn geben, denn der Geist ist nur im Menschen zuhause. Dazu sind wir ja hier zusammengekommen.


Diskussion

Da ich selbst keine Mitglied der Unitarier bin, hatte ich um einen Moderator aus den Reihen der Mitglieder gebeten. Da mir die Tagungsleitung niemand benannte, habe ich Herrn Horst Prem vorgeschlagen, der mir von München her gut bekannt ist. Es war ein Glücksgriff, denn er war mir auch bei der Diskussion eine Hilfe. Die Diskussion lief auf die Sinnfrage hinaus, bei der letztlich nach dem Unterschied von Zweck und Sinn gefragt wurde. Dazu habe ich dann noch meinen Text in Versform Nr. [9] auf ZEIT UND SEIN "Hat das Dasein einen Sinn?" vorgetragen, wo es in der 2. Strophe heißt: "Sinn macht, was geistig nachvollziehbar ist. Was also einem Ziel oder Zweck untergeordnet werden kann, das oder den wir erkennen - oder setzen! Und indem wir eine Unterordnung unter ein Ziel oder einen Zweck sehen, hat Dasein, haben Handlungen für uns Sinn."

 
     Foto: Wolf-Jürgen Weber / Unitarier


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